Metall-Scheibletten

Die Wetterforscher sind sich zwar noch nicht ganz einig, ob uns in New York am Wochenende ein heftiger Schneesturm erwartet, der Vorsorge wegen spreche ich trotzdem mal ein Thema an, was im schlimmsten Fall vom Schnee überdeckt wird: Das Geld liegt auf der Straße.

Der US-Dollar ist die meistgenutzte Währung im internationalen Handel. In den USA zirkulieren im Alltag die folgenden Erscheinungsformen:

  • Münzen:
    • 1 Cent (Penny)
    • 5 Cent (Nickel)
    • 10 Cent (Dime)
    • 25 Cent (Quarter)
  • Scheine:
    • 1 Dollar
    • 5 Dollar
    • 10 Dollar
    • 20 Dollar
    • 50 Dollar
    • 100 Dollar

Prinzipiell gibt es auch noch Rand-Erscheinungen wie den Half Dollar (als Münze), den 2-Dollar-Schein und den Sacagawea-Dollar. Letzterer ist eine goldfarbene 1-Dollar-Münze. Soweit ich das bisher beurteilen konnte, existiert diese aus einem einzigen Grund: Um am Ticketautomaten der Penn Station unwissenden Touristen Unmengen an Rückgeld geben zu können. Real hat diese Existenz dieser Münze ihre Existenzberechtigung aus dem Versuch 1979 den 1-Dollarschein mit der Susan B. Anthony abzulösen (aus simplen Kostengründen, da eine Münze deutlich länger im Zahlungsverkehr bleiben kann). Da gleichzeitig aber der Dollarschein nicht vom Markt genommen wurde, blieb es bei diesem trostlosen Versuch und spätestens seitdem die Scheine günstiger in der Herstellung geworden sind ist das Thema auch ziemlich vom Tisch.

Münzen haben hier generell für die Privatperson keinerlei Bewandnis; meist sammelt man die Quarters für die Wäscherei (wo man dann brav für $5.75 abgezählte 23 Münzen einwirft) und der Rest kommt in irgendeine absurde Spardose, deren Inhalt man „irgendwann mal auf die Bank bringt“. Man zahlt einfach nicht mit Kleingeld. Nicht in Geschäften, nicht in Tankstellen, nicht im Supermarkt und schon gar nicht im Restaurant.

Absurd ist es geworden, als ich jemanden in der U-Bahn dabei beobachtet habe Kleingeld in die Mülltonne zu werfen. Und das Wegwerfen von Münzgeld ist hier kein Kavaliersdelikt; beobachtet man ein wenig den Bürgersteig springt einem immer irgendwo eine Münze entgegen. Und da wird man trotzdem noch an allen Ecken nach „etwas Kleingeld“ gefragt.

Verwirrend wird es daher für den amerikanischen Touristen in Europa. „Oh Mann, ich hab noch den ganzen Münzkram aus Europa.“ Waren dann aber doch fast 50€. Und ein verdammt schwerer Geldbeutel.

Und noch kurz zu etwas anderem:

ikeawandLebt und arbeitet man in New York City benötigt man eigentlich kein Auto. Man will auch gar keins. Parkplätze gibt es so gut wie keine und wenn, dann darf man da nur an ungeraden Wochentagen parken (was auch immer das ist). Aber nicht zwischen 9 und 11. Und nicht bei Vollmond. Daher bringt ein Ausflug zum schwedischen Möbelgiganten auch die Anmietung eines Fahrzeugs mit sich. Blöd nur, wenn das zwei Meter lange Seitenteil in der Mitte durchgebrochen ist. Und was lernen wir daraus? Beim nächsten Mal liefern lassen, dann tauschen die das Teil nämlich auch vor Ort aus und man muss sich nicht ein zweites Mal einen Transporter anmieten. Aber hey, ich bin sicher, wir brauchen noch eine ganze Menge anderen Kram von IKEA.

 

Hunde in Paraguay

Nachdem meine letzte Erfahrung beim Department of Motor Vehicles (kurz: DMV) ja recht grauselig war, hatte ich die Ehre zum Beginn des Jahres 2016 ein weiteres Mal dort antreten zu dürfen. Alles reine Formalität. Diesmal habe ich aus reiner Neugier mir ein anderes Büro in der Stadt ausgesucht und siehe da, was ich zuvor mit einer Mischung aus Großmarkthalle, Börse und Präfektur beschrieben hatte, stellte sich ganz anders dar:

Ich hatte einen Termin um 15 Uhr, alle notwendigen Dokumente in der Tasche und $65 parat. Erfreulicherweise war ich um 14:55 Uhr schon wieder draußen auf der Straße und wurde zuvor nur um $12.50 erleichtert. Der Mitarbeiter hinter dem Schalter war dennoch unfreundlich. Trinkgeld habe ich keins gegeben.

Opt-IAbschließend kommen wir mal zu einer richtigen Unsitte des amerikanischen Alltags: Hier herrscht ein kunterbuntes Prinzip namens Opt-Out. Aber am besten erkläre ich dazu das Gegenteil, den Opt-In: In Deutschland legt das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb fest, dass eine Kontaktaufnahme zu Werbezwecken nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Gegenseite stattfinden darf (daher Opt-In). Sicherlich gibt es diese spaßigen Telefonanrufe und „Sie haben gewonnen!“-Schreiben; diese Firmen biegen sich jedoch nur geschickt das Gesetz zurecht oder ihr habt ganz einfach mal bei einem Preisausschreiben eure Daten angegeben. Eine gute Gegenmaßnahme bei den Anrufen ist übrigens das Gegenskript (externer Link).

Hier in den USA ist alles umgekehrt: Jeder kann munter Werbung, Bettelbriefe und vorgeprüfte Kreditkarten-Anträge schicken. Letzt kam sogar ein Brief mit einem echten Nickel (5-Cent Münze). „Just a nickel a day can save a dog in Paraguay.“ Um dem ganzen Wahnsinn zu entfliehen muss man also munter zurückschreiben, dass man keine weiteren Angebote mehr erhalten möchte (daher Opt-Out). Jeder. Firma. Einzeln. Und dann ist das Jahr auch schon wieder rum.

Das Erwachen des Truthahns

„Manchmal spielt das Karma einem einen Streich und lässt nichts als einen bitteren Geschmack zurück.“ (Verfasser: Unbekannt, wurde anschließend verklagt.)

Nachdem ich mit Collette ein sehr schönes Weihnachtsfest in Deutschland verbracht habe und es nach einer weingeschwängerten Neujahrsnacht überraschenderweise mehr als rechtzeitig zum Frankfurter Flughafen geschafft haben (wohlgemerkt waren wir um 4 Uhr morgens da), hat uns ihre Mutter am Flughafen in New York abgeholt. Ich hatte ihr gegenüber einmal erwähnt, dass ein deutscher Brauch den Verzehr von Sauerkraut am Neujahrstag empfiehlt. (Das soll sicherstellen, dass man das ganze Jahr über Geld hat.) Freundlicherweise wurde ich im Auto tatsächlich mit einer kleinen Tupperware Sauerkraut begrüßt und konnte mir den abergläubischen Schabernack direkt einverleiben. Grundauf konsequent und eiskalt durchgezogen.

(In anderen Gegenden Deutschlands ist wohl die Linsensuppe das entsprechende Äquivalent. Wie dem auch sei, wir lernen: Geld hat auf jeden Fall etwas mit einer herzhaften Speise zu tun.)

Begrüßt wurden wir in unserer Wohnung von zwei Freunden aus Deutschland, die sich über die Feiertage bei uns eingenistet haben. (Irgendwer muss ja auf unsere zwei Haustiere aufpassen: Wanka, die Bettwanze und Asmus, die Kellerassel.) Direkt nach unserer Heimkehr durften wir uns auf das Sofa setzen und haben ein Sandwich gemacht bekommen. Für das Archiv: Ich werde mich nicht mal ansatzweise so freundlich im Gegenzug benehmen. Nein.

Butter Skulptur

Der Truthahn, den uns der nahgelegene Supermarkt vor einiger Zeit aufgrund unseres massiven Einkaufsverhaltens spendiert hat (wir erinnern uns) stand als nächstes auf dem Programm. Im Extremfall taut das Teil ja auch in 6 Stunden auf. Größtenteils. (Okay, dann bleibt der Hals halt drin.) Beim Einkaufen der restlichen Zutaten ist mir dann im Butterbereich* ein Produkt namens Butter Sculptures aufgefallen. Ich denke, das würde in Deutschland auch ganz gut funktionieren; ich denke mal über Produkte wie Biskin-Berge und Pflanzenfett-Pferde nach.

*Es gibt in dem Laden wirklich eine Wand voller Butter.

Mutiger Truthahn-SchneiderMit den frisch erworbenen Produkten und einem halb aufgetauten Truthahn haben wir die Küchenschlacht ausgerufen. Wir hatten ein paar weitere Gäste eingeladen, die bequemerweise direkt nebenan wohnen und dementsprechend kurzfristig Zeit gefunden haben. Die Dankbarkeit zeigte sich dann darin, mir innerhalb der ersten 5 Sekunden Anwesenheit den kompletten Film Star Wars kräftig zu spoilern. Aus Gründen der allgemeinen Sicherheit aller Anwesenden habe ich das Messer zum Truthahnschneiden dann auch lieber in andere Hände gegeben. Aber ernsthaft, wer hätte schon gedacht, dass Dumbledore zu Beginn des Films stirbt?

Nordamerikanische Gigantomanie

Stamp ProjectIch habe in Deutschland vor einiger Zeit ein kleines Nebenprojekt gestartet und erstelle Collagen aus gestempelten Briefmarken. Ein paar fertige Werte habe ich in gute Hände gegeben, aber leider bisher keins für mich behalten. Über den Sommer habe ich die Muße gefunden ein Kunstwerk für meine eigenen vier Wände in den USA anzufertigen. Die Weltkarte hat einige Arbeitsstunden hinter sich und das Einrahmen war ein Abenteuer, es hat sich jedoch gelohnt. Die größte Schwierigkeit jedoch war die Beschaffung der richtigen Briefmarken, da möglichst jedes Land auch nur durch seine Briefmarken vertreten werden sollte. Wer hätte z.B. gedacht, dass Usbekistan so gut wie keine blauen Briefmarken herausgegeben hat?

Da ich hier in den USA auch weiterhin ab und zu solche Kunstwerke kreiere, habe ich mir letztens bei eBay ein paar hundert Gramm (oder im imperialen System: einige Unzen) Briefmarken bestellt. Es kam ein prall gefüllter Umschlag an, aber ausnahmsweise hat mich hier das Äußere der Sendung mehr gefreut, als der Inhalt:

Gigantische $10 Briefmarke

Bigger is better. Das ist eigentlich das inoffizielle Motto von Texas, diese Sendung kam jedoch aus Kanada. Sie war geziert mit der größten Briefmarke, die mir jemals untergekommen ist. Zum Größenvergleich habe ich einen Quarter daneben gelegt (ungefähr so groß wie ein 50-Cent Stück). Und tatsächlich, die Kanadische Post hat im Jahr 2010 die bis dato größte Briefmarke gedruckt, passenderweise zu Ehren des größten lebenden Tieres: Der Blauwal. Und da eine Briefmarke und ein Geldschein im Prinzip etwas sehr ähnliches ist, weist diese hoch notierte Briefmarke sogar einige Sicherheitsmerkmale auf (Quelle).

Bürgersteig – verschiedene Größen

PflastersteineBeim Schlendern durch die Straßen von New York ist mir letzt etwas ganz banales aufgefallen: Der Bürgersteig (also der sidewalk) bietet den Füßen hier ein gänzlich anderes Geh-Erlebnis, als in den meisten europäischen Städten. Hier werden keine Gehwegplatten verlegt und auch keine Pflastersteine; der Bodenbelag besteht hier fast ausschließlich aus Zement/Beton.

Die besondere Herausforderung hierbei besteht a) im Verarbeiten des Materials und b) im Verhalten bei verschiedenen Umgebungsbedingungen.

Zement schrumpft nach dem Verarbeiten im Trocknungsprozess zusammen. Das ist eigentlich auch ganz gut so, denn so entstehen zwischen den einzelnen Abschnitten Fugen, in die sich die Platten im Sommer ausdehnen können. Nachteilig ist das jedoch im Winter: Wasser dringt ein, gefriert und dehnt sich aus. (Wasser verhält sich hier nämlich gänzlich anders, als andere Stoffe.) Letztendlich entstehen dadurch Risse. Und da das gesamte Werk recht spröde ist, ziehen sich die Risse meist durch den ganzen Abschnitt.

2015-12-19 16.27.52Wenn also ein paar Jahre verstrichen sind, sieht das ganze nicht mehr so fein säuberlich aus, wie weiter oben. Und dann wird munter aufgefüllt, was aber leider nur eine kosmetische und kurzzeitige Lösung ist. Gehwegplatten haben natürlich mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Diese sind jedoch deutlich kleiner, d.h. ein Schaden betrifft meist einen viel kleineren Bereich. Und man kann die Platte mit vergleichsweise wenig Aufwand ersetzen.

Ich habe ein wenig Zeit investiert und versucht herauszufinden, warum man hier auf diese Technik mit den großen Flächen setzt. Gerade in New York sind die Umgebungsbedingungen so extrem, dass man eigentlich nicht groß drüber nachdenken muss, um die Folgen zu erahnen: Extrem heiße Sommer – extrem starke Ausdehnung. Extrem kalte und feuchte Winter – extrem viele Risse. Meine Recherche ist bisher zu keinem Ergebnis gekommen und bisher lautet mein Ergebnis: „Ist halt so. Haben wir schon immer so gemacht.“

Aber was kümmert es mich eigentlich. Hauptsache es ist schön sauber, gell? Und gesäubert wird hier selbstverständlich im Winter wie im Sommer: Mit einem Hochdruck-Wasserstrahl.

Denglisch – Engleutsch

Es gibt einige herrliche Beispiele, wo ein fremdes Wort plötzlich eine neue Heimat in einer fremden Sprache findet. Neologismen. Meist bleibt der Sinn erhalten und es geht mit rechten Dingen zu, manchmal wird allerdings ein gewisses Zufallsprinzip angewendet. Mir fallen da im Deutschen immer die beiden klassischen Beispiele ein:

Beamer (deutsch)
Der Beamer bezeichnet im Deutschen einen Videoprojektor. Das Wort stammt vom englischen beam (zu deutsch: der Strahl). Klingt eigentlich ganz einleuchtend und wenn ich das hier in den USA erkläre, erntet das Wort zumindest zustimmendes Kopfnicken. Das Wort wird hier jedoch ausschließlich als umgangssprachliche Bezeichnung für ein Automobil der Marke BMW benutzt. Zugegeben, es wird meist beemer geschrieben (es gibt ein paar verschiedene Schreibweisen), aber die Aussprache ist identisch.

Handy (deutsch)
Das Wort Handy steht als Synonym für ein Mobiltelefon. Es stammt vom englischen Adjektiv handy, was so viel bedeutet wie „praktisch“. Auch das ist wiederum einleuchtend, wird in den USA aber so überhaupt nicht verwendet. Wenn man also hier erzählen würde „I have got a handy!“ dann klingt das wie ein unvollständiger Satz und die Rückfrage wäre in etwa „You have got a handy what?

Aaaandersherum lässt sich das Spielchen natürlich auch spielen:

Schnapps (englisch)
Im Englischen mit zwei P geschrieben bezeichnet es in den USA zwar ebenfalls hochprozentiges, jedoch versteht man unter Schnapps nicht den „Klaren“. Es handelt sich hier um reines Ethanol, gemischt mit Zucker und dem gewünschten Geschmack. Klingt furchteinflößend, ist aber wirklich nichts anderes als ein Likör. Schnapps dreht meist so um die 20%.

Apropos Schnaps: In einem früheren Eintrag hatte ich geschrieben, dass ein Verdauungsschnaps hier nach dem Essen „auf’s Haus“ nicht wirklich existiert. Ich muss meine Aussage revidieren, da wir vor ca. 2 Wochen tatsächlich einen Limoncello angeboten bekommen haben. (War aber auch ein italienisches Restaurant.)

Lox (englisch)
Bei dem Wort muss man ein bisschen auf die Aussprache achten, um den Ursprung zu erahnen. Vom deutschen Lachs bzw. vom jiddischen laks bezeichnet das Wort hier eine spezielle Art Lachsfilet. Das Gericht sieht ähnlich aus wie Räucherlachs, ist technisch gesehen aber durch eine andere Methode konserviert, da Lox in Salzlake eingelegt wird. Ein bekanntes Gericht der jüdischen Küche hier ist Lox and a Schmear, was in etwa „Lachs und Schmiere“ heißt, wobei Schmiere üblicherweise für Frischkäse steht.

Sauerbraten (englisch)
Sauerbraten gibt’s auch in den USA. Ähnlich furchteinflößend anzusehen, aber im Geschmack doch leicht anders. Den Hauptunterschied kommt durch die Bratensoße: Während die deutsche Küche oftmals eine kräftig dunkle und leicht saure Bratensoße dazu reicht, werden in den USA dank eines Geheimtips des – mittlerweile geschlossenen – New Yorker Restaurants Lüchow’s Ingwerkekse in der Soße mitgekocht (sogenannte Gingersnaps). Recht abenteuerlich, aber rundet den Geschmack hervorragend ab. Sollte man unbedingt mal probiert haben.

Liverwurst
Die Liverwurst (ein sprachliches Konstrukt aus liver – dem englischen Wort für Leber – und einem meiner Lieblingswörter: Wurst) ist nichts anderes als unsere Leberwurst. Für den lokalen Verzehr hier ist die Farbgebung doch ein wenig anders gewählt: Es geht eher in Richtung Bierwurst. Nur farblich, wohlgemerkt. In manchen Gegenden der USA ist Liverwurst wohl auch unter dem Namen American Braunschweiger bekannt.

Stein
Ein Stein (ausgesprochen mit einem Hamburger „St“) bezeichnet einen Bierkrug. Klassischerweise ist ein Krug aus Steinzeug gemeint, in der Umgangssprache werden aber auch gläserne Bierhumpen als Stein bezeichnet. Anzutreffen in jedem amerikanisch-deutschen Beergarden.

 

Kaugummi

Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge, er Herr mit dem viel zu langen Namen und den lustigen Verhaltensregeln, hat in der deutschen Gesellschaft ja bis heute seinen Einfluss. Ich habe sein Buch zwar nie gelesen, aber ich bin mir sicher, dass sich die heutige Auffassung (der sog. Knigge) deutlich von dem unterscheidet, was er einst geschrieben hat. Und das ist auch gut so, da die Welt ja immerhin ein paar Jahrhunderte weiter vorangeschritten sind. (In manchen Dingen zumindest.)

Aber auch in den Vereinigten Staaten von Amerika werden Benimmregeln und Höflichkeit ernst genommen. Ein paar Beispiele:

  • Türen werden generell der nächsten Person offen gehalten, daraufhin folgt ein „Thank you!“ und ein anschließendes „No problem!“.
  • Beim Essen halten die meisten die linke Hand unter dem Tisch, die andere führt die Gabel.
  • Generell wird sich immer, in jeder Situation und für alles bedankt.
  • Ist man in einem Geschäft und passiert eine Person, die gerade etwas anschaut, dann entschuldigt man sich dafür. (In Deutschland versucht man sich unsichtbar zu machen. „Das ist nie passiert! Und das sind nicht die Droiden, die du suchst!“)
  • Im Nahverkehr bietet man GENERELL älteren Menschen und Familien seinen Sitzplatz an.
  • Man fragt nicht nach der Toilette, man fragt nach dem Restroom oder Bathroom. Nach dem Motto: „Ich frage in Deutschland ja auch nicht, wo die Schüssel ist.“
  • Servietten sind hier ein ganz großes Ding (hatte ich ja schonmal angeschnitten).
  • Man spricht in der U-Bahn nicht und wenn, dann nur in äußerst zurückhaltender Lautstärke.
  • Wenn am Supermarkt eine neue Kasse öffnet, geht es trotzdem gesittet und nach der Reihe vor. Viele Supermärkte haben sogar nur eine einzige Schlange, was wirklich gut funktioniert. (Im direkten Vergleich ist das Vorgehen in heimischen Landen nahezu barbarisch.)

Neben all den Regeln, die auch wirklich alle iiiiirgendwie nachvollziehbar sind, gibt es aber eine ganz spezielle Tatsache, die mich hier wirklich verwirrt und anekelt: Kaugummis. Ich habe jetzt wirklich an mehreren Tagen und in mehreren Vierteln meine Beobachtungen gemacht und komme zum Schluss: Der Amerikaner kaut seinen Kaugummi mit offenem Mund. Dazu gesellen sich ganz anständig Schmatzgeräusche. So habe ich letzte Woche das Kauen einer Person in der U-Bahn vernommen, die mehr als 5 Meter entfernt gestanden hat. Und ich hatte Kopfhörer auf!

Da es hier aber ein vergleichbares Standardwerk (wie den Knigge) nicht gibt, muss ich wohl selbst herausfinden, ob dies hier vielleicht zum „guten Ton“ gehört.

Ich geb dir Kontra, Bratwurst!

Viele US-Amerikaner, die ich bisher getroffen habe, waren schon einmal in Deutschland zu Besuch. Das weiß man spätestens nach den Sprechversuchen wie „Ein Bier, bitte!“ und „Lederhosen!“. Ich weiß leider immer noch nicht, was ich darauf antworten soll, daher sage ich (wie als Antwort auf „How are you!“) meist „Good, how are you!“.

M: „Hi, how is it going?“
US: „Oh, you are German? I looooove Germany. Wait a second… ein Bier, bitte!“
M: „Good, how are you!“

Beim Gesprächsthema Deutschland ist mir aufgefallen, dass oftmals das Bratwurst-Brötchen oder der LKW (Leberkäs‘-Weck) Bestandteil der Erzählung ist; meist mit großer Begeisterung. Und tatsächlich, so etwas muss man hier erstmal ausfindig machen.

In Deutschland gibt es in jeder Ortschaft ja zumindest eine Metzgerei; die hat meistens auch eine heiße Theke, an der allerlei Fleischeslüste erfüllt werden. Sowas ist hier nicht wirklich geläufig. „Metzgerei“ bezeichnet hier meist den Industriebetrieb und die Fleisch- / Wurstwaren kauft man im Supermarkt. Das ist nicht unbedingt schlechtes Fleisch, im Gegenteil. Hier gibt es starke Qualitätsunterschiede, die aber dankenswerter Weise ausgezeichnet werden müssen: Das U.S. Department of Agriculture unterscheidet 3 verschiedene Kategorien:

  1. Prime
    (Kobe-Rind, Freilandhaltung, den Tieren wird früh morgens immer John Denver vorgespielt)
  2. Choice
    (Rind, In-Etwa-Freilandhaltung, ein zweitklassischer Musiker trällert den Tieren abends aus Mozarts Zauberflöte vor, jedoch mit falschen Tongeschlecht)
  3. Select
    (
    zumeist Tier, kein Tageslicht, der Bauer rülpst meist ganz harmonisch)

(Es gibt auch noch Standard, Commercial und Utility; diese sind aber eher für den Großhandel gedacht.) Fast jeder Supermarkt hat abseits des fertig abgepackten Fleisches auch eine eigene Fleischtheke. Klassische Metzgereien laufen hier landesspezifisch unter den Titeln „German Butchery„, „Polish Butchery“ und „Italian Butchery„, aber das sind meist hochpreisige Import-Spezialitäten. Ich werde demnächst mal bei der German Butchery vorbeigehen und eine Fleischkäse-Kontrolle durchführen.

Deli / BodegaWorauf ich eigentlich hinauswollte: Der schnelle Snack („auf die Hand“) ist hier also nicht in Hand der Metzgerei-Mafia. Der schnelle Snack hier findet an fast jeder Straßenkreuzung statt und heißt Deli (von Delicatessen). Hier in Harlem, wo viele Hispanics* wohnen, heißen diese oftmals auch Bodega (in etwa: Warenhaus). Das ganze kann man sich als eine Mischung zwischen Kiosk und Tankstellen-Supermarkt vorstellen; es gibt meist ein Sortiment an Softdrinks, Wasser, Süßigkeiten und Zigaretten (also wie an der Tankstelle), kann aber sogar bis hin zu Lebensmitteln wie Dosentomaten, Reis und Butter reichen. Viele Delis / Bodegas haben auch Bier im Angebot. (Wein und Spirituosen sind in New York State nur in Liquor Stores erhältlich.) Und neben all dem Angebot gibt es hier eben auch eine hübsch anzuschauende Theke, hinter der ein freundlicher Angestellter einem ein Sandwich nach Wahl zusammenstellt.

Der Bestellprozess gleicht ungefähr dem in einem SUBWAY-Schnellrestaurant: Man entscheidet sich für Brot (Bagel, Hero, Roll) und für den Belag (Wurst, Käse, warm, kalt, Salat, etc.). Ein paar Klassiker wären:

  • Cream Cheese on a Bagel (New York’s Spezialität, wobei Bagel nicht gleich Bagel ist)
  • Egg, Bacon & Cheese on a Roll (perfekt für Samstags/Sonntags morgens)
  • Ovengold Turkey, Munster Cheese, Lettuce, Tomatoe on a Hero (mein Favorit – „Put salt & pepper on it, Martin!“)

Mit ein wenig Anpassung ist es also möglich hier hervorragend zu überleben; die Auswahl ist generell auch deutlich größer. Ich bin gespannt, ob ich bei meinem nächsten Besuch in Deutschland nach einem simplen Fleischkäs-Brötchen anders darüber denke.

*Hispanics sind Menschen mit Hintergrund in Nationen mit einer Verbindung zur spanischen Kultur, so z.B. Mexico, Cuba & Puerto Rico.

 

Thanksgiving

Wer schonmal in den USA zu einem Thanksgiving-Dinner eingeladen worden ist, der dürfte eine sehr gute Vorstellung haben, was es damit auf sich hat. Für den Rest erläutere ich das Fest einmal.

Thanksgiving ist so ur-amerikanisch, wie man es sich nur vorstellen kann. Es ist das größte Fest in den USA und entspricht im Umfang ein wenig dem, wie viele in Deutschland Weihnachten feiern. Meiner Meinung nach ist es ein großartiges Fest; es geht um das Dankbarsein, das Zusammensein und spricht somit erstmal jeden an. (Da es kein religiöser Feiertag ist, muss sich niemand ausgeschlossen fühlen.) Meist kommt die gesamte (erweiterte) Familie zusammen und dann geht es ans Eingemachte: Das Essen.

thanksgiving

Da ich mir derzeit immer noch den Magen mit eingetupperten Resten vollschlage, möchte ich nicht unbedingt von Essen schreiben, aber die Liste ist wirklich beachtlich und ich möchte sie nicht vorenthalten: Turkey, white potatoes, string beans, turnips, stuffing, white onions, cranberry sauce, glazed ham, sweet potatoes, baked beans, cornbread & sauerbrauten with noodles and red cabbage. Nicht zu vergessen der Nachtisch: Pumpkin pie, coconut custard, cupcakes, sweet potatoes with marshmellows, eggnog & crumble cake. Zugegebenermaßen habe ich einmal die Karte rauf und runter probiert und dementsprechend kugel ich hier auch in der Wohnung rum.

Der Festtag findet dank Abraham Lincoln Ende November statt und fällt seit einer Festlegung durch den Kongress im Jahre 1941 offiziell auf den 4. Donnerstag im November. Es halt also auch etwas sehr organisiertes. Immerhin wird auch jährlich ein Truthahn offiziell vom Präsidenten begnadigt. (Um dann wahrscheinlich im nächsten Jahr im Ofen zu landen.)

Es ist der einzige Tag, an dem die USA mal wirklich herunterfährt und so gut wie jeder frei hat. Sonst wird oft durchgearbeitet; so ist Weihnachten hier z.B. nicht automatisch ein freier Tag. Ein typischer Ablauf ist, dass man am frühen Nachmittag bei den Gastgebern eintrifft und sofort anfängt Vorspeisen zu konsumieren. Man ist eigentlich nie der erste Gast und auch nie der letzte. An Thanksgiving werden traditionell auch drei Football-Spiele ausgetragen: Ein Heimspiel der Detroit Lions, eines der Dallas Cowboys und ein nicht weiter festgelegtes Spiel. Der Fernseher läuft daher ununterbrochen – meist als Hintergrundrauschen – und man kann zwischen den einzelnen Köstlichkeiten den Gladiatoren zuschauen, wie sie sich gegenseitig auseinandernehmen. Brot und Spiele. Das ganze zieht sich dann bis in die Abendstunden und löst sich über Kaffee und Desert nach und nach auf. Wie gesagt, ein großartiges Fest!

Leftovers (zu deutsch: Reste) gehören ebenfalls zum traditionellen Repertoire. Da generell viel zu viel aufgetischt wird, ist ein Klassiker an den Tagen nach Thanksgiving das Turkey Sandwich, welches hervorragend zu Cranberry-Soße schmeckt. Zu dieser ist zu sagen, dass diese traditionell an Thanksgiving vergessen wird und erst dann gereicht wird, wenn die Mägen voll sind. (Meine Stichprobe bezieht sich auf 4 Feste mit 100% Trefferwahrscheinlichkeit.)

Zusammengefasst ist Thanksgiving einer meiner Lieblingsfeiertage geworden. Ich durfte das ja schon ein paar Mal miterleben und es ist großartig sich mal so richtig den Wanst vollzuschlagen ohne dabei verstörte Blicke auf sich zu ziehen.

Eingebürgert hat sich auch die Tradition des Friendsgiving. Da die meisten Menschen das Fest mit ihren Familien begehen, trifft man sich am Wochenende vorher mit seinem Freundeskreis und veranstaltet ein Dinner im kleineren Kreis; da wird meist auch mehr Alkohol gereicht als am Festtag selbst. Es gibt dann wohl auch noch das ominöse Blacksgiving, das am Abend vor Thanksgiving stattfindet (also Mittwochs). Das ist traditionell auch der Tag, an dem Bars und Clubs bis zum Bersten gefüllt sind. (Blacksgiving im Sinne von (to) blackout – also Totalschaden.)

Wer die Möglichkeit hat, über Thanksgiving in den Staaten zu sein, sollte sich das ganze nicht entgehen lassen. Und nein, ich war am Black Friday NICHT einkaufen; ich behalte meine Gliedmaßen gerne noch etwas länger und überlasse das Gemetzel den Gladiatoren der NFL.